Archiv 2003

Haus Schlesien nimmt Neugierige an die Hand
KULTUR 25 Jahre Präsenz am Fronhof und 30 Jahre Verein Haus Schlesien bieten morgen Anlass
zu feiern. Die Einrichtung fördert den Dialog zwischen Ost und West, Jung und Alt

Von Tim Farin

HEISTERBACHERROTT. Am morgigen Sonntag feiert der Verein Haus Schlesien sein 30-jähriges Bestehen sowie 25 Jahre Präsenz am ehemaligen Fronhof in Heisterbacherrott. Der Verein verfolgt seit der Gründung das Ziel, schlesisches Kulturerbe zu bewahren und zu vermitteln. ,,Wenn wir schon unsere Heimat verloren haben, dann müssen wir zumindest ein Zentrum für schlesische Kultur schaffen", beschreibt Geschäftsführerin Petra Meßbacher das Motiv der Gründerväter. Hierbei dient das Anwesen in Heisterbacherrott als Kulturzentrum. Meßbacher weiß: ,,Es war nie einfach, die Aufgaben des Vereins zu erreichen."

Drei Jahrzehnte nach Gründung des Vereins erinnert Meßbacher an viele Unsicherheiten, die auf dem Weg auszuräumen waren. Ein Großteil davon hatte stets mit Finanzen zu tun. Das Geld war chronisch knapp, die Unterhaltung des über Hunderte von Jahren gewachsenen Fronhofs ausgesprochen teuer, öffentliche Förderungen nur gering. Dennoch existiert das Haus als feste Institution - fernab der schlesischen Ex-Heimat vieler Mitglieder - mit Museum, Gaststätten und Bildungszentrum. „Es bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe, das Haus wirtschaftlich auf solide Füße zu stellen", sagt Meßbacher.

Finanziell sei die Zukunft des Vereins und seines Anwesens heute zwar vorerst gesichert, sagt Meßbacher. Rund 2300 Mitglieder hat der Zusammenschluss unter Präsident Reinhard Blaschke - bei einem Durchschnittsalter von über 60 Jahren. Die gelernte Betriebswirtin muss ständig rechnen, damit sich das Kulturzentrum weiter tragen kann. Wenn die Mitgliederbeiträge und Spenden wegbrechen, müsse man gerüstet sein. Veranstaltungen aller Art sind eine Lösung. Insbesondere solche, bei denen die hauseigenen Übernachtungs- und Tagungsangebote gebucht werden.

Der schlesische Verein steht zu Beginn des Jahrtausends an einem Scheideweg: „Das Interesse der Menschen hat sich verlagert“, beobachtet Meßbacher. Sie meint die Auseinandersetzung mit der Geschichte der deutschen Volksgruppe im heute polnischen Schlesien. Warum? Die Antwort lässt sich biologisch erklären: Die Generation der „Erleber“ stirbt aus. „Fragen können bald nicht mehr aus eigenem Wissen beantwortet werden“, sagt die Geschäftsführerin, die selbst aus einer jüngeren Generation stammt.

Man muss sich wohl damit abfinden, dass schlesisches Erbe bald keine Selbstverständlichkeit ist, dass viele Menschen bald nichts mehr von der deutschen Geschichte Breslaus wissen. Gerade deswegen dürfe Haus Schlesien heute aber weniger denn je eine geschlossene Gesellschaft sein, findet Meßbacher. „Wir haben versucht, uns zu öffnen", berichtet sie und nennt das Konzept bei einem vielleicht provokanten Namen: „Schlesien light“.
   Die Zukunft der Vermittlung des schlesischen Erbes liege in Präsentationen, die für jeden - unabhängig seiner Herkunft - interessant sind. Das Kulturzentrum Haus Schlesien müsse sich als Institution mit hohem Erlebnischarakter und von einladendem Ambiente erweisen, wo Neugierige an die Hand genommen werden.

Das Museum ist ein Ort, an dem diese Form der Ansprache gelingen kann. 2002 verzeichnete man immerhin 12000 Besucher dort. Ein anderer Weg ist die Begegnung. Seit 1996 veranstaltet der Verein regelmäßige Besuche junger Menschen aus dem schlesischen Teil Polens im Rheinland. Im „schlesischen Kleinod im Siebengebirge“ im Herzen Europas kommt es zu Dialogen zwischen den alten deutschen Schlesiern und der jungen polnisch-schlesischen Generation. „Diese neue Generation aus Schlesien ist sehr interessiert und sehr europäisch“, berichtet die Geschäftsführerin. Und für die deutschen Schlesier sei es eine „Genugtuung“, dass die Jungen aus der gemeinsamen Heimat das Gespräch suchen.

In den Dialogen um die schlesische Kultur, das Verhältnis  von Alt und Jung, Ost und West, sieht Meßbacher die Wirkungsfelder der Zukunft. Einmischen will sie sich auch weiter in die öffentliche Diskussion, beispielsweise zur Vertreibung der deutschen Volksgruppe und der Bewahrung ihrer Vergangenheit - stets „unter Darlegung von Wahrheit“, wie sie betont. Sie fasst zusammen: „Es gibt viele Aufgaben für den Verein, die über das Blickfeld der Gründungsgeneration hinaus gehen.“ Dennoch soll diese Generation in dem Prozess weiter eine prominente Rolle spielen.

Quelle: General-Anzeiger vom 8 / 9. November 2003