Archiv 2003

Die Jubilare verordnen sich strenge Disziplin
KULTUR
Der Verein Haus Schlesien feiert sein 30-jähriges Bestehen und 25 Jahre im Fronhof.
Blaschke: Kündigungen von Personal sind wegen der Finanzsorgen unumgänglich

Von Kathrin Giese

HEISTERBACHERROTT. Im Haus Schlesien wurde am Sonntag ein Doppeljubiläum gefeiert: Vor 30 Jahren wurde am 9. November der Verein Haus Schlesien gegründet. Seit 25 Jahren hat er auf dem ehemaligen Fronhof in Heisterbacherrott eine Heimat gefunden.
  Aus dem verfallenen Anwesen ist ein modernes Begegnungs- und Austauschzentrum für die Kultur und Geschichte Schlesiens geworden. Im ganz gefüllten Eichendorff-Saal des Hauses Oberschlesien wurde der Festakt gefeiert. Doch der Blick in die Zukunft des Hauses brachte Probleme zur Sprache. „Eine Jubiläums-Veranstaltung gibt die Gelegenheit, Rückschau und Ausblick in größeren, historischen Zusammenhängen und losgelöst vom Tagesgeschehen zu halten“, eröffnete Fritz-Jürgen Kador, Schatzmeister des Vereins den Festakt.
  Rückschau und Ausblick gab der Präsident des Vereins, Reinhard Blaschke, in seiner mehr als einstündigen Festrede. „Angesichts der noch immer kritischen Situation unseres Hauses ist dazu niemand berufener als der Präsident“, so Schatzmeister Kador. Mit der Schilderung der Geschehnisse vor fast 60 Jahren, als die ,,Erlebnisgeneration" aus ihrer Heimat in Schlesien  vertrieben  wurde,  begann Blaschke. Er erinnerte an die Gründung des Vereins 1973 in Bremen, der die 800-jährige deutsche Kulturlandschaft Schlesiens weiter repräsentieren will.
  Mit Euphorie begannen die Schlesier der ersten Stunde mit Aufräumungs- und Entkernungsarbeiten, als 1978 der verfallene Fronhof erworben werden konnte", erzählte Blaschke. Auch wenn das Haus Schlesien zum Schaufenster einer europäischen Region geworden ist (der GA berichtete am Wochenende), bangt das Zentrum um seine finanzielle Zukunft. Im vergangenen Jahr konnte das Haus durch Sonderumlagen, erbracht von der Hälfte der 2300 Mitglieder des Vereins, vor der Insolvenz gerettet werden. Trotz der erbetenen Spenden der Mitglieder konnten die Hypothekenschulden nicht getilgt werden. Doch Blaschke stellt klar: „Das Haus Schlesien ist nur überlebensfähig, wenn eine Totalentschuldung erfolgen kann." Der Finanzierungsversuch, einen Teil des Parkgeländes an einen Investor zu verkaufen, um dort Senioren-Wohnungen zu errichten, schlug bisher fehl.
  Weiter stimmt die Kürzung der Kulturförderung der Regierung den Verein unsicher. Haus   Schlesien sollte nach den neuen Richtlinien der Kulturpolitik aus der Bundesförderung herausfallen. Durch intensive Verhandlungen gelang es jedoch, das Haus als „Projektförderung“ mit einem eingeschränkten Betrag in der Förderung beizubehalten. Allerdings gilt diese Zusage immer nur für ein Jahr und bringt somit keine Planungssicherheit. ,,Ich überlasse es Ihrem Vorstellungsvermögen, vorauszusehen, was passiert, falls in Berlin die Baumaßnahmen für ein Zentrum gegen Vertreibung die Mehrheit finden. Ich als gewählter Interessensvertreter des Hauses Schlesien und selbst vertriebener Schlesier habe Vorbehalte gegen das Vorhaben“, sagte Blaschke.
   Er brachte konkrete, bevorstehende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des Hauses zur Sprache: Die Wirtschaftsbetriebe Logis und Gastronomie des Hauses sollen in eigenständige Einheiten umgewandelt werden und mit ihren Erträgen einen Beitrag zum Unterhalt der Begegnungsstätte leisten. „Dies ist nur möglich durch strenge Disziplin auf der Kostenseite und einen radikalen Abbau von Personalkosten. So hart es für den Einzelnen sein wird: Wir werden in Kürze Kündigungen  aussprechen", musste Blaschke den Festgästen mitteilen.
   Gerade deshalb rief der Präsident den Mitgliedern die Wichtigkeit ihrer Beiträge und Spenden ins Gedächtnis, die die gemeinnützige Kultur- und Begegnungsstätte unterhalten sollten. „Noch steht an unserem Haupthaus «Haus Schlesien». Wenn das nicht mehr gewünscht ist, werden wir auf unsere Gemeinnützigkeit verzichten und dem Haus den Namen «Hotel Haus Schlesien» geben“, trieb es Blaschke auf die Spitze.
   Schließlich sprach er den Anwesenden Mut zu: „Nur gemeinsam sind wir stark.“ Zum Abschluss sangen alle gemeinsam das Lied „Kein schöner Land in dieser Zeit“. Zudem sang Opernsänger Rudi Girth, begleitet von Norbert Linke am historischen Gerhart Hauptmann-Flügel. Das Musikinstrument des Literaturnobelpreisträgers befindet sich als Dauerleihgabe der Erika-Simon-Stiftung im Haus Schlesien.

Haus Schlesien informiert im Internet unter www.hausschlesien.de umfangreich über seine Arbeit und Angebote. Zu finden ist das Haus an der Dollendorfer Straße 412 in Heisterbacherrott. Die Telefonnummer ist 022 44/886-0.

Quelle: General-Anzeiger vom 12.11.2003