Presseecho 2005

Nach 60 Jahren in der alten Schule
ERINNERUNGEN
Nobelpreisträger Reinhard Selten spricht über Schlesien

Ein Schlesier im Haus Schlesien: Nobelpreisträger Reinhard Selten, der heute in Ittenbach wohnt, beim Gespräch in Heisterbacherrott.
FOTO: FRANK HOMANN

Von
Dagny Schwarz

HEISTERBACHERROTT.
„Es hatte sich zwar einiges verändert, aber ich konnte mich zurechtfinden", erzählt Reinhard Selten im Haus Schlesien. Der 1930 in Breslau geborene Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger, der heute mit seiner Frau in Ittenbach lebt, kehrte erst vor wenigen Jahren zu einem „Arbeitsbesuch" in seine Heimatstadt zurück. Es ging um einen Kooperationsvertrag zwischen den Universitäten von Bonn und Breslau.

„Man hat überall Neues gesehen, aber auch einiges wieder erkannt", so Selten weiter. In der Veranstaltungsreihe „Prominente Schlesier im Gespräch", die bereits den ehemaligen Umweltminister Klaus Töpfer, den Limburger Weihbischof Gerhard Pieschel und den SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose nach Heisterbacherrott führte, sprach der Ökonom nun im Haus Schlesien mit Joachim Sobotta, früher Chefredakteur der „Rheinischen Post", über sein Verhältnis zu Schlesien und Breslau, seine Erinnerungen und Erlebnisse. Etwas 30 Gäste hörten aufmerksam zu.

Zunächst aber lieferte der Wissenschaftler eine kurze Einführung in seine Arbeit. Reinhard Selten erhielt 1994 gemeinsam mit zwei Kollegen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeit an der „Spieltheorie". „Dabei handelt es sich um eine Methode zur Modellierung von Situationen mit Konflikt oder Kooperation", erklärte er. Auf diese Weise könne das tatsächliche Verhalten von Menschen in bestimmten wirtschaftlichen Situationen im Labor untersucht werden. Als Beispiel nannte Selten die Versteigerung der UMTS-Lizenzen, bei der er an der Beratung eines der Bieter beteiligt war, oder die aktuelle Einführung von 20Cent-Zeitungen, auf die Konkurrenten nun reagieren müssten. „Was dann passiert, ist Spieltheorie", sagte Selten. Indirekte Anwendung fände die Spieltheorie auch bei allem, was mit Verhalten zu tun hat, also zum Beispiel Soziologie, Politik oder auch Kriegstheorien.

Doch auch Seltens Bezug zu Schlesien nahm einen großen Teil der Veranstaltung ein. „Schlesien bedeutet für mich schon etwas", sagte er. Nach dem Krieg habe er jedoch nicht den Wunsch gehabt, nach Breslau zurückzukehren. Ein Grund sei die inzwischen, fremde Sprache in seiner Geburtsstadt gewesen. So sah er die Stadt erst Mitte der 90er Jahre wieder. Überrascht war er von der Haltung der Einwohner: „Sie fühlen sich kontinuierlich mit der Vergangenheit, auch der deutschen, verbunden", so sein Eindruck. Wiedererkannt hat er in Breslau unter anderem seine alte Schule im Stadtteil Kleinburg sowie ein Haus, in dem er gewohnt hat. „Als ich es wieder sah, kam es mir klein vor"; lachte er. „Mit fünf Jahren sieht das wohl anders aus". .

Selten berichtete auch von den Bildern von schlesischen Nobelpreisträgern, die die Universität Breslau zieren. „Darunter sind viele Deutsche - was auch eine gewisse Berechtigung hat", meinte Selten und fügte hinzu: „Ein Schlesier ist jemand, der in Schlesien geboren und aufgewachsen ist, gleich welcher Nationalität".

Quelle: General-Anzeiger vom 18.04.2005