Archiv 2004

Nostalgie mit Verantwortung verbinden
HAUS SCHLESIEN
Klaus Töpfer sagt seinen schlesischen Landsleuten nicht nur Dinge, die sie hören wollen.
Lieber in Heisterbacherrott als in der Villa Hammerschmidt. Keine Zukunft ohne Erinnerung. Einladung für 2005

Von Hansjürgen Melzer

Mit fast 66 Jahren nimmt Klaus Töpfer kein Blatt mehr vor den Mund.
FOTO: FRANK HOMANN

HEISTERBACHERROTT.
Klaus Töpfer ist in seinem Leben weit über Schlesien hinausgekommen. Das merkte man dem vor fast 66 Jahren im schlesischen Waldenburg geborenen Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinen Nationen bei seinem Auftritt im Haus Schlesien am Mittwochabend an. So sagte der ranghöchste deutsche Politiker in einer Weltorganisation - Töpfer über sich selbst: „der Umweitminister der Vereinten Nationen" -in Heisterbacherrott auch nicht unbedingt das, was einige seiner überwiegend schlesischstämmigen Zuhörer hören wollten.

Töpfer, der sich um 40 Minuten verspätet hatte, machte deutlich, dass er sich gerne zu seinen schlesischen Wurzeln bekenne, jedoch ohne revanchistische Gefühle. Als ein Zuhörer ihn bat, doch seinen Einfluss geltend zu machen, um ihm bei der Rückgabe seines heute in Polen liegenden verlorenen Eigentums zu helfen, fand der Politiker überaus klare Worte. „Sie werden mich in dieser Sache nicht an ihrer Seite sehen. Ich würde gegen eine Verpflichtung für die Zukunft verstoßen und das will ich nicht." Bei allem Verständnis für seine Landsleute, die aus ihren Elternhäusern vertrieben wurden, hält Töpfer es für einen großen Fehler, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen. „Nostalgie allein ist nicht hinreichend. Nostalgie muss mit Verantwortung verbunden werden", so der Politiker.

Seit Jahren hatten sich Petra Meßbacher, die Geschäftsführerin des Kultur- und Bildungszentrums, und Vorstandsmitglied Joachim Sobotta um Töpfer bemüht. Vor 17 Jahren war der damalige Bundesumweltminister  schon  einmal Schirmherr eines Sommerfestes in Haus Schlesien gewesen. „Ich bin dankbar, dass Herr Sobotta mich so beharrlich bearbeitet hat", sagte Töpfer, der immerhin auf den gleichzeitig stattfindenden Empfang bei Bundespräsident Johannes Rau in der Villa Hammerschmidt verzichtet hatte. Seine Mitarbeiter am Sitz seiner Organisation in Nairobi hätten sich über die Entscheidung ihres Chefs jedenfalls ziemlich gewundert. „Sie meinten, irgendetwas müsse da wohl sein", erzählte Töpfer im Haus Schlesien mit einem verschmitzten Lächeln.

Irgendetwas ist da auch, wenn der Weltmann über seine Heimat spricht, aus der er im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern vertrieben wurde. So lud er seine Familie zu seinem 65. Geburtstag im vergangenen Jahr nach Waldenburg, das heute Walbrzych heißt, ein. Und am Tag nach dem Mauerfall reiste er von Warschau, wo er mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl zum Staatsbesuch war, in seine Heimat und besuchte zum ersten Mal nach der Vertreibung sein Elternhaus. „Dort wohnte eine Familie mit drei Kindern, die mir erzählt hat, dass zwei der Kinder inzwischen in Deutschland leben." Das Elternhaus und seine heutigen Bewohner gesehen zu haben, genügte Töpfer für seine persönliche Vergangenheitsbewältigung. Die Erinnerung spielt dabei für ihn eine überaus wichtige Rolle. Das wurde auch deutlich, als ein Lehrer der Realschule Waldbröl von der Partnerschaft seiner Schule mit dem Lyzeum in Waldenburg berichtete und von den Tränen und innigen Umarmungen der Gleichaltrigen beim Abschied. „Wieviel Geschichte braucht die junge Generation? Muss man sie denn mit den ollen Kamellen belasten?", fragte der Lehrer. Auch darauf hatte Töpfer eine klare Antwort: „Die erste Voraussetzung, um Zukunft zu gestalten, ist es, Erinnerungen zu haben. Erst aus der Erinnerung wächst die Kraft", so der Politiker. Vielleicht hat Klaus Töpfer die Gelegenheit, seine Sichtweise an gleicher Stelle auch einmal der jungen Generation zu vermitteln. Petra Meßbacher will den Weltpolitiker bereits im nächsten Jahr erneut einladen. Dann sind polnische Germanistikstudenten aus Waldenburg im Haus Schlesien zu Gast.

   NACHGEFRAGT

Klaus Töpfer ist nicht nur der Welt höchster Umweltpolitiker, sondern auch Schlesier mit Leib und Seele. Mit Töpfer sprach Hansjürgen Melzer.

GA: Welche Bedeutung hat für Sie das Haus Schlesien?
KLAUS TÖPFER: Es ist eine gute Sache, dass diese Einrichtung betrieben wird. Als Begegnungsstätte zur Erinnerung für die Zukunft. Es hat mir große Freude bereitet, hierher zu kommen.

GA: Viele gebürtige Schlesier fordern ihr Eigentum zurück. Wie stehen Sie dazu?
TÖPFER: Ich habe durchaus Verständnis für die Betroffenen. Aber wir sollten das bei uns diskutieren. Europa hat sehr unter dem Revanchismus gelitten. Deswegen bin ich dankbar für das, was das Haus Schlesien leistet. Es ist gut, dass wir uns hier an diesem Abend treffen und uns gemeinsam erinnern. Wir sollten das aber in einer Weise tun, dass wir auch morgen noch sagen können: Wir leben in dieser Welt.

GA: Günter Grass hat in einem Interview mit dem General-Anzeiger gesagt, Breslau sei besser als Berlin als Standort des geplanten Zentrums gegen Vertreibungen geeignet, weil hier die Bevölkerung wirklich ausgetauscht worden wäre. Wie sehen Sie das?
TÖPFER: Wir brauchen einen Ort der Erinnerung, wo man innehalten und nachdenken kann, und sollten uns sehr selbstbewusst mit diesem Thema auseinandersetzen. Ich kenne den Vorschlag von Günter Grass nicht, aber vielleicht ist Breslau eine gute Idee.

GA: Welche Rolle spielt Schlesien im Zuge der EU-Osterweiterung in einem Vereinten Europa?
TÖPFER: Die Nationalstaaten werden künftig von geringerer Bedeutung sein als die regionalen Kraftzentren. Wir brauchen diese regionale Identifikation. Man darf die Globalisierung nicht zu einer Uniformierung in kulturellen Bereichen missbrauchen. Uniformität, zum Beispiel in Form einer Amerikanisierung, ist keine stabilisierende Größe.

Quelle: General-Anzeiger vom 4.6.2004