Presseecho 2005

Momentaufnahmen einer vergangenen Epoche
Der Fotokünstler Willy Sinn zeigt in Heisterbacherrott eindrucksvolle Bilder aus dem oberschlesischen Industrierevier

Impressionen einer sterbenden Industrielandschaft zeigt Willy Sinn bis zum 3. Juli im Heisterbacherrotter Haus Schlesien.
FOTO: HOLGER HANDT

Heisterbacherrott.
(hoh) Die Dokumentation von Besonderheiten und Details, die dem flüchtig darüber hinweghuschenden Auge verborgen bleiben, die Faszination von Landschaften, unbekannte Kulturen und die Exotik der Fremde fängt der Würzburger Fotokünstler Willy Sinn mit seiner Kamera ein. Von seinen Reisen und Expeditionen in die abgelegensten Winkel der Welt hat er beeindruckende Bilder mitgebracht.

Dass er nicht tausende Kilometer zurücklegen muss, um ungewöhnliche und beeindruckende Fotos zu schießen, hat er bei seiner jüngsten Reise unter Beweis gestellt. Eine Woche lang erkundete er eines der einst reichsten Industriegebiete Europas, die Region um die oberschlesischen Städte Hindenburg, Beuthen und Roda. Dort, wo früher Kohle und Metall als Schätze aus den Tiefen der Erde geholt und in Fabriken weiter verarbeitet wurden, ist nach dem Zusammenbruch des Sozialismus schlagartig Ruhe eingekehrt. Nur noch wenige der metallverarbeitenden Produktionsstätten sind in Betrieb. Der Rest ist verlassen und zeigt starke Spuren des Verfalls.

Auch an den Menschen und ihren Häusern ist das Ende der Produktion nicht spurlos vorübergegangen. Die hohe Arbeitslosigkeit hat zur Verarmung der Bevölkerung geführt. Ihre Häuser und die ehemals vom Leben erfüllten Arbeitersiedlungen sind teils verlassen und verfallen zusehends.

Diese Eindrücke hat Willy Sinn aus ungewöhnlichen Sichtweisen und Perspektiven mit seiner Kamera eingefangen. Dabei hat er die Überbleibsel einer einstmals blühenden Region zu Kunstwerken gemacht, wie sie eindrucksvoller kaum sein könnten.

Ein Gitter, an dem der Zahn der Zeit nagt, wirkt bei ihm wie ein räumliches Gemälde aus geometrischen Formen. Fast Ehrfurcht einflößend sind zwei sich im Wasser spiegelnde stählerne Strommasten, die mit ihren ausgebreiteten Armen einst die Leitungen trugen, durch die der Strom von den Kraftwerken in die Städte floss.

Gleichmäßig verteilt ist Erz auf einem Förderband zu sehen, als hätte erst wenige Minuten zuvor die letzte Schicht ihre Arbeit beendet und die Maschinen abgeschaltet. Ganz nah heran geht Willy Sinn mit seinen Objektiven an Erzklumpen und geschmolzenes Metall, das in seinem erstarrten Zustand zu glitzernden, bizarren Kunstwerken wird.

Auch auf die Menschen hat er seine Optik gerichtet, auf die wenigen Glücklichen, die noch Arbeit haben. Doch Sinn zeigt auch die sich verändernde Landschaft, die farb- und formenreichen Abraumhalden, die Tonne für Tonne als Material für den Straßenbau verkauft werden. Seine Bilder sind ruhig und zeitlos, Momentaufnahmen einer zu Ende gegangenen Epoche, deren Zeugnisse bald verschwunden sein werden.

Die Ausstellung "Schlesische Variationen" von Willy Sinn ist noch bis zum 3. Juli im Eichendorff-Saal in Haus Schlesien zu sehen.

Quelle: General-Anzeiger Online vom 06.04.2005