Archiv 2004

HAUS SCHLESIEN

Die Besuchergruppen aus Polen sind für das Haus Schlesien existenziell. Die verständigungspolitische Arbeit der mit fast 900.000 Euro verschuldeten Einrichtung ist eine wichtige Voraussetzung, dass weiterhin staatliche Fördermittel fließen. Das Geld vom Bund macht zwischen zehn und 15 Prozent des Haushalts der Einrichtung aus. Neben einer Grundförderung für das Museum in Höhe von 158.000 Euro erhielt das Haus Schlesien 2003 100.000 Euro an veranstaltungsbezogener Förderung.

„Die Förderung durch den Bund spielt für uns eine wichtige Rolle, um die wir sehr kämpfen müssen. Wenn sie wegfallen würde, könnten wir das auf keinen Fall auffangen“, sagt Geschäftsführerin Petra Meßbacher. Schließlich hat ihre Einrichtung die Konkurrenz des Schlesischen Museums zu Görlitz im Nacken, das sich noch im Aufbau befindet und 2005 offiziell eröffnet wird. Für Görlitz spricht der Standortvorteil. Der Ort liegt in einer der früheren schlesischen Provinzen.

Mit den Seminaren dokumentiert das Haus Schlesien seine vom Bund geforderte Zukunftsorientiertheit „Die Austauschprogramme sind unser Faustpfand“, erklärt Meßbacher. Grundlage der Förderung ist der Paragraph 96 des Vertriebenen- und Flüchtlingsgesetzes (BVFG) von 1953, nach dem „Bund und Länder das Kulturgut der Vertreibungsgebiete zu erhalten, Archive, Museen und Bibliotheken zu sichern, zu ergänzen und auszuwerten haben“. Mit den Seminaren will das Haus Schlesien, das 22 Angestellte und sieben Auszubildende beschäftigt, auch in Zukunft seine Existenz sichern. Meßbacher: „Das Haus muss es auch im Jahr 2050 noch geben, wenn hier längst keine Zeitzeugen mehr ein- und ausgehen."   mel

Integrationsfigur: Mit dem schlesischen Dichter Gerhart Hauptmann, dessen Büstevor Haus Schlesien steht, beschäftigen sich auch die polnischen Gemanistikstudenten.

In Zukunftsfragen herrscht große Einigkeit
Zeitzeugengespräche Das “Spiz” kennen die Alten und die jungen Breslauer

Von Dagny Schwarz

HEISTERBACHERROTT. Zwei Generationen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Erfahrungen und ihrer persönlichen Geschichten unterschiedlicher nicht sein könnten, begegneten sich beim Zeitzeugengespräch im Haus Schlesien.
  Die polnischen Studenten haben natürlich nicht zuletzt durch ihr Germanistik-Studium viel über die Geschichte und die Vertreibung der Deutschen aus ihrem Land gelernt. Sie wissen aber auch um die schmerzlichen historischen Erfahrungen ihres Heimatlandes und kennen die Geschichten, die ihre Eltern und Großeltern von der deutschen Besatzung erzählen. Von den Zeitzeugen hörten sie nun jedoch zum ersten Mal auch ganz persönliche Berichte über die Diskriminierung, Enteignung und Vertreibung der Deutschen aus Schlesien. Dass sich diese Geschichten an Orten rund um Breslau ereigneten, die sie gut kannten, brachte sie ihnen noch näher. Still und zeitweise ergriffen war die Stimmung im Raum zu Beginn, als die Zeitzeugen aus ihrem Leben berichteten. Die Studenten schienen zu bewundern, wie diese Menschen trotz aller schmerzvollen Erlebnisse nicht aufgegeben und sich ein neues Leben, eine neue Heimat geschaffen haben. Und dabei offenkundig auch die Freude am Leben nie verloren - denn auch herzlich gelacht wurde an diesem Abend zusammen.
  Die Vertriebenen wirkten überhaupt nicht verbittert, sondern scheinen sich gerade aus ihren Erfahrungen heraus für Versöhnung und Verständigung einsetzen zu wollen. Auf beiden Seiten war keine Spur von Voreingenommenheit, ging es nicht um Vorwürfe und Schuldzuweisungen.
  Das Besondere an diesem Abend war, dass sich ein ganz offener Austausch zwischen zwei Generationen entwickelte, bei dem es nicht um die Wunden der Vergangenheit, sondern um Zukunftsfragen ging. Und die Zukunft, darüber war man sich einig, soll eine friedliche und freie sein.
  So wurde auch über den EU-Beitritt Polens im Mai und die Arbeitslosigkeit in Deutschland und Polen gesprochen. Aber auch Themen wie die Integration der Türken in Deutschland interessierten die Studenten. Wie sehen die Schlesier, die selber die Probleme mit Polnisch als Amtssprache und dem Verbot deutschsprachiger Schulen erlebt haben, die Schwierigkeiten der türkischen Familien heute?
  Die Offenheit und Herzlichkeit, mit der bei diesem Treffen aufeinander zugegangen wurde, waren für mich überraschend und beeindruckend. Sogar das Alter spielte keine Rolle: Als eine Zeitzeugin erzählte, sie sei bei ihren Besuchen in Breslau in den letzten Jahren auch öfters im ,,Spiz" gewesen, einem Lokal, in dem Abends immer viele Studenten säßen, lachten die polnischen Besucher: „Ja, auch nachts...“.

Dagny Schwarz (19) absolviert zurzeit ein Praktikum in der Redaktion Siebengebirge des General-Anzeigers. Sie legte im vergangenen Jahr ihr Abitur am Gymnasium am Oelberg in Oberpleis ab.

Quelle: General-Anzeiger vom 16.01.2004